Shilpa Gupta - ein halber Himmel


Pressemitteilung vom:
25. November 2010

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SHILPA GUPTA
Ein halber Himmel

Presseinformation vom: 25.11.2010

Datum: 26.11.2010 - 30.01.2011

Kuratorin: Julia Stoff

Das OK Offenens Kulturhaus OÖ präsentiert im Winter 2010/2011 mit Shilpa Gupta eine der wichtigsten indischen KünstlerInnen der Gegenwart mit einer Einzelausstellung.

Ein Querschnitt ihrer Arbeiten sowie eine mit dem OK produzierte neue Installation geben Einblick in das Werk der jungen, in Mumbai lebenden, Künstlerin. Die neue Arbeit ist eine interaktive Klanginstallation, ein „Haut-Globus“, der durch Berührungen der Besucherinnen und Besucher zum Leben erweckt wird.

Shilpa Gupta arbeitet interdisziplinär mit einer Vielzahl von Medien: interaktives Video, Internet, Fotografie, Objektkunst und Performance. In dieser Vielfalt verwischt Gupta die Grenzen zwischen Kunst und Alltagskultur und hinterfragt, wie wir denken und wer wir sind. Zu ihren Themen zählen Konsumverhalten und Verlangen, Gewalt und Sicherheitsdenken, Religion, Terror und Menschenrechte, soziale Ungerechtigkeit und Macht. Geprägt von der Politik und kulturellen Realität ihres Landes setzt sich Gupta mit der globalen Gegenwart unter Einsatz zeitgenössischer Medien auseinander. Sie erzeugt eine interaktive Beziehung mit ihrem Publikum, erst die BetrachterInnen vollenden mit ihren Reaktionen die Arbeiten.

Die Ausstellung im OK zeigt folgende Arbeiten

Untitled, 2008

Druck auf Vinylplane, 530 x 200 cm
Courtesy Yvon Lambert, Paris/New York

Das Sinnbild der drei Affen - Don’t See, Don’t Hear, Don’t Speak [Nicht sehen, nicht hören, nicht reden] - ist ein in Guptas Werk immer wiederkehrendes Motiv. In unterschiedlichen fotografischen Serien inszeniert sie die Gesten des Sinnbilds - das Zuhalten von Augen, Mund und Ohren - mit Kindern und Erwachsenen. In verschiedensten Varianten zeigt sie das wortwörtliche Blockieren der Sinne, das dabei manchmal spielerisch, entstellend, poetisch, isolierend oder clownesk wirkt.

I keep falling at you, 2010

Toninstallation aus tausenden Mikrofonen
183 x 380 x 380 cm
Courtesy Yvon Lambert, Paris/New York und Galleria Continua

Die von der Decke hängende wolken- oder schwarmähnliche Skulptur aus tausenden Mikrofonen wirkt in ihrer Masse beinahe unbeweglich - also wie das Gegenteil einer sich ständig verändernden Formation. Und noch eine weitere Umkehrung wird hier vorgenommen: Die Mikrofone, für gewöhnlich Geräte, in die man hineinspricht um sich an ein Publikum zu wenden, erhalten hier die Funktion von Lautsprechen und übertragen Stimmen und Geräusche. Mit diesen Gegensätzen von Erscheinung und Anmutung spielt die Künstlerin in dieser poetischen, gewaltigen und doch sehr fragilen Installation.

Threat, 2009

Badeseife
Interaktive Installation
15 x 6.2 x 4 cm je Stück, 72 x 229 x 107 cm
Courtesy Yvon Lambert, Paris/New York

Größe, Gewicht und Form der Seifenblöcke sind so gewählt, dass sie eher an Ziegel erinnern. Sie sind zu einer Mauer gestapelt, die im Laufe der Ausstellung abgebaut werden soll: Das Publikum ist eingeladen, sich bei den Seifenstücken mit dem eingeprägten Wort THREAT [Bedrohung] zu bedienen und eines mit nachhause zu nehmen. Mit jedem Händewaschen wird die Bedrohung wortwörtlich weniger werden.

Untitled, 2010

Installation, Überwachungskamera
Courtesy Yvon Lambert, Paris/New York

Eine außer Kontrolle geratene Überwachungskamera hat offensichtlich den Überblick verloren.

Blame, 2002-04

Fläschchen mit Kunstblut
300 x 130 x 340 cm
Courtesy Maxime Fisher

„Wenn ich die Schuld auf dich schieben kann, dann fühl ich mich richtig gut. Darum geb ich dir Schuld an allem, was du nicht ändern kannst: deiner Religion, deiner Staatszugehörigkeit. Ich will dir Schuld geben. Dann geht’s mir gut.” So lautet die Aufschrift auf den roten Fläschchen, für die im ersten Blame Projekt auf Plakaten geworben wurde. Gupta bot sie auch zum Verkauf an, mit der Aufforderung, das (künstliche) Blut darin nach Merkmalen von Nationalität und Religion aufzuteilen. Im OK sind sie wie in einem Labor arrangiert und warten auf ihre wissenschaftliche Untersuchung. Sie kann zu keinem Ergebnis führen, da nach kulturellen und nicht nach biologischen Merkmalen gefragt wird.

Untitled, 2006

2 Fotos, 109 x 73,7 cm
Courtesy Yvon Lambert, Paris/New York
*Siehe Untitled, 2008

Shadow 3, 2006

Interaktive Videoprojektion, 600 x 800 cm
Courtesy Galleria Continua und Yvon Lambert, Paris/New York

In diesem Schattentheater werden wir zu unfreiwilligen Mitspielern: Etwas passiert mit uns und wir können uns nicht wehren. Gegenstände fallen auf unsere Schatten und bleiben an ihnen kleben. „Ich bin ein Teil des Schattens! Sie haben mich aber nicht gefragt, ob ich einverstanden bin. Bin ich von Geburt an in dieser Lage?“ Für Gupta ist die Zugehörigkeit zu einer Religion, zu einem Land ein Schicksal, dem man sich aber auch entziehen kann, und nicht etwas, von dem man sich zwangsläufig einverleiben lassen muss. Dazu bedarf es einer radikalen Entscheidung: Der Besucher muss den Raum verlassen, die einzige Möglichkeit, um den Ballast, den er auf sich angehäuft hat, wieder loszuwerden.

Untitled, 1999–2000

Videoinstallation
Courtesy Yvon Lambert, Paris/New York

Auf beiden Monitoren läuft ein Video von Menschen auf einem Sofa – als ob sie fernsehen würden. Alle sind ein und dieselbe Person: die Künstlerin. Aus ihrer gemütlichen Position sieht sie sich zu und spiegelt sich doch nur wieder selbst.

Nearest Exit, 2009

Holzschild, Neonröhre
177,8 x 35,6 x 7,6 cm
Courtesy Yvon Lambert, Paris/New York

Der im Flugverkehr verwendete Sicherheitshinweis wird handschriftlich auf eine hölzerne Tafel übertragen. Die Richtungsanweisungen zeigen zur Mauer und stellen damit das Publikum vor eine unlösbare Aufgabe, ironisch auf eine hier wortwörtlich gegebene Ausweglosigkeit verweisend.

There is no border here, 2005–06

Wandzeichnung mit Klebestreifen
300 x 300 cm
Courtesy Yvon Lambert, Paris/New York

Auf poetische Weise wird in diesem Text eine traumhafte Szene beschrieben.
Das Gedicht erhält eine spannungsvolle Aufladung durch die Form der Präsentation, die das Gegenteil suggeriert: So bestehen die Zeilen aus gelben Streifen, die beim Näherkommen als sich wiederholende Botschaft lesbar werden: „THERE IS NO BORDER HERE“ [Hier gibt es keine Grenze]. Der Gedichtkörper ist in Form einer Flagge aufgeklebt, die als Motiv ambivalent ist: Sie steht als Symbol einerseits zwar für Freiheit und Unabhängigkeit, andererseits aber verweist sie auf Grenzen – nationale, religiöse, ideologische.

Untitled, 2009

Gürtel, 1000 cm
Courtesy Yvon Lambert, Paris/New York

Der auf 10 Meter verlängerte Gürtel eines Wachbeamten verheddert sich infolge seiner Überlänge.
Gupta hinterfragt mit diesem absurden Objekt die Funktionalität der vorherrschenden Sicherheitssysteme bzw. transformiert sie das machtvolle Ordnungssymbol in ein nur mehr ästethisch wirksames Objekt.

Untitled, 2010

Interaktive Soundinstallation
Produktion: Norbert Math, Dietrich Killer, Norbert Schweizer
Courtesy OK Offenes Kulturhaus

Die neu für das OK entstandene Arbeit ist eine interaktive Toninstallation, die die BesucherInnen mithilfe von Kopfhörer und Fingersensor zum Leben erwecken können. Bei Berührung der hautfarbenen Oberfläche hört man eine erste Anweisung: „Mark here“. Beginnt man nun mit dem Finger den Körper entlang zu wandern, hört man Text- und Soundfragmente, die sich zu einer Geschichte zusammen fügen. Je mehr BesucherInnen (max. 5) in Interaktion mit dem Globus treten, umso vielstimmiger wird der Chor.

There is No Explosive in This – Street Series, 2007

4 Fotos, 71 x 106,7 cm
Courtesy Yvon Lambert, Paris/New York

Die Arbeit ist Teil einer Serie, in der die Künstlerin das Vordringen einer Politik der Angst illustriert: Auf jeder der 100 gefertigten Taschen-Hüllen, die sie in London verteilte, stand die siebgedruckte Aufschrift „There is No Explosive in This“ [Enthält keinen Sprengstoff], als Ausdruck der „irrationalen Angst”, die sich bei uns eingenistet hat. Ein wichtiger Teil der Aktion war es, die Reaktionen der Passanten auf die Arbeit zu sammeln, weshalb die BenutzerInnen gebeten wurden, Gupta von ihren Erfahrungen zu berichten.

Untitled (Heat Book), 2008–09

Stahl, Heizspirale, 2000 Watt + Podest
132 x 44 x 33 cm
Courtesy Judko Rosenstock

Ein Buch liegt aufgeschlagen auf einem Lesepult. Doch die Situation lädt nicht zum Schmökern ein: dieses Buch ist aus Stahl, seine Seiten glühend heiß. Ein leeres Buch? An dem man sich verbrennt? Dem Gewalt angetan wurde?
Die sakrale Inszenierung des Buchs im Raum, lässt die Vermutung zu, es könnte sich sowohl um die Gita, eine der zentralen Schriften des Hinduismus, als auch den Koran, die heilige Schrift des Islam, oder aber auch die Bibel handeln.

Speaking Wall, 2009–10

Interaktive Soundinstallation mit LCD Monitor und Kopfhörer
Courtesy Yvon Lambert, Paris/New York

Geht man die angedeutete Mauer aus Ziegelsteinen entlang, steht man letztendlich vor der Wand. Dort wird das Publikum über Kopfhörer und eine Anzeigentafel aufgefordert, unterschiedlichen Anweisungen zu folgen. Speaking Wall thematisiert sich verändernde nationale Grenzen, aber auch Mauern, die wir im persönlichen Bereich um uns errichten, aber oft selbst nicht sehen.

Untitled, 2008–09

Anzeigetafel, 2161 x 22 x 25 cm
20 min Loop
Courtesy Rami Farook

Die 29 Zeichen auf der Anzeigentafel ändern sich pausenlos, aber nicht ohne Plan: Zahlen werden zu Jahren, Entfernungsangaben und Statistiken von Migranten, inklusive derer, die unterwegs zugrunde gehen. Der Text ist eine vorprogrammierte Komposition, der Gespräche Guptas mit dem Psychologen Mahazarin Banaji und Philosophen und Linguisten Noam Chomsky über Vorurteile und Ängste und deren unbewusste Abläufe vorausgegangen sind.

Untitled, 2009

Mobiles Eisengittertor, 290 x 232 cm
Courtesy Galleria Continua

Ein Gittertor schlägt immer wieder an die Wand, an der es befestigt ist und beschädigt diese zunehmend. Der Umriss eines unregelmäßig geformten Körpers steckt zwischen den Gitterstäben fest. Dieser Körper könnte ein konkretes Territorium sein, er könnte aber auch ein Symbol für die menschliche Sehnsucht nach Freiheit sein, die alle Grenzen übersteigt, die um sie gelegt werden im Namen von Religion, Geschlecht oder Nation.

OK Platz / Bauzaun

There is No Border Here, 2005-06

Installation Klebeband
Produziert in Linz

„Hier gibt es keine Grenzen“, behauptet die Künstlerin, und das, obwohl der Baustellenzaun auf dem OK Platz deutlich sichtbar ist. Bei dieser Arbeit werden, einer meist zufälligen und willkürlichen Logik folgend, mit Folienstreifen Zonen im öffentlichen Raum abgegrenzt. Die Ironie dieser Geste wird durch das Material verstärkt, das normalerweise als polizeiliches Absperrband verwendet wird.

BIOGRAFIE

Shilpa Gupta (geboren 1976) lebt und arbeitet in Mumbai, Indien,
wo sie von 1992 bis 1997 an der Sir J.J. School of Fine Arts ein Studium der Bildhauerei absolvierte.
Gupta realisiert ihre Kunstwerke in den Medien Interaktives Video, Websites, Objektkunst, Fotografie,Toninstallation und Performance und arbeitet in subversiver Weise mit Themen wie Begierde, Religion, Überlegungen zur Sicherheit im öffentlichen Raum und mentalen Grenzen.
Im Februar 2010 hatte sie ihre erste Soloausstellung in einem Museum im Contemporary Art Center in Cincinnati, gefolgt von einer weiteren im Château Blandy in Frankreich und einer ersten mid-career Überblicksausstellung im OK Offenes Kulturhaus Oberösterreich.

In ihrem Projekt „While I Sleep“, für das sie mit dem Psychologen und Harvard-Professor Mahazarin Banaji zusammenarbeitete, thematisierte sie die Wahrnehmung von Bildern im Zusammenhang mit Angst und Vorurteil. In diesem Zusammenhang interviewte sie auch Noam Chomsky. Das Projekt wurde Mitte 2009 in Le Laboratoire in Paris gezeigt und danach im Louisiana Museum of Modern Art in Dänemark. Eine weitere Station war die Auckland Triennale 2010.

2009 hatte Gupta Soloausstellungen in der Galerie Yvon Lambert in Paris, in der Galleria Continua, San Gimignano, und eine von der Vadehra Gallery veranstaltete Soloausstellung in der öffentlichen Galerie „Lalit Kala Akademi“ in New Delhi. Davor wurden Werke von ihr gezeigt in „The Generational: Younger Than Jesus“, der ersten Triennale des New Museum, New York; in „Everyday Miracles – Lyon Biennale 2009“ kuratiert von Hou Hanru; in der Gwangju Biennale 08 unter der Leitung von Okwui Enwezor und kuratiert von Ranjit Hoskote; bei der Yokohama Triennale 08 kuratiert von Hans Ulrich Obrist; bei der 3. Biennale Sevilla kuratiert von Peter Weibel und Wonil Rhee; bei „Zones of Contact – Biennale of Sydney 06“ kuratiert von Charles Merewether and bei der Liverpool Biennale 06 kuratiert von Gerardo Mosquera. Außerdem hat sie bei den Triennalen von Kunst aus Asien in Manchester und Fukuoka und bei den Biennalen in Linz, Seoul, Havanna und Shanghai teilgenommen.

Zu den führenden internationalen Institutionen und Museen, die Arbeiten von Shilpa Gupta gezeigt haben, gehören Tate Modern and Serpentine Gallery in London, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo in Torino, Daimler Chrysler Contemporary in Berlin, Mori Museum in Tokio, Astrup Fearnley Museum of Modern Art in Oslo, Solomon R. Guggenheim Museum, New Museum und Queens Museum in New York, Chicago Cultural Center, Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk und Devi Art Foundation in Gurgaon.

Gupta ist Trägerin des Transmediale Award 2004, Berlin, und des Sanskriti Prathishthan Award, New Delhi. Ihre Werke sind von Sammlungen wie Asia Society, Daimler Chrysler, Mori Museum, Fukuoka Museum, Hauser & Wirth, Kramlich Collection, Louisiana Museum of Modern Art, Caixa Foundation, Museum of Contemporary
Art – Val De Marne, Astrup Fearnley Museum, Devi Foundation und von anderen öffentlichen und privaten Sammlungen in und außerhalb von Indien angekauft worden.

2010 erschien eine 248-Seiten Monografie im Verlag Prestel und Vadehra Bookstore mit Texten von Nancy Adajania, Peter Weibel, Shanay Jhaveri and Quddus Mirza.


Pressefotos

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Alle Fotos (außer anders angegeben): Otto Saxinger.