Luca Vitone - Überall zu Hause


Pressemitteilung vom:
22. November 2007

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LUCA VITONE
Überall zu Hause
Arbeiten 1988 - 2007

Presseinformation vom: 22.11.2007

Datum: 23.11.2007 - 03.02.2008

Dass ein Künstler proklamiert, er sei "überall zu Hause", ist in einer Zeit, in der nationalistische Diskurse und fremdenfeindliche Polarisierungen immer mehr den Blick auf gegenwärtige Realitäten trüben, geradezu ermutigend. So kann das vielschichtige Werk von Luca Vitone als Versuch gelesen werden, Begriffe wie "Heimat", "kulturelle Identität" und "Territorium" neu zu definieren und damit auch gegen einseitige, eindimensionale und stereotype Vorstellungen anzuarbeiten.

Inhaltlich richtet sich Vitones Interesse vor allem auf jene Menschengruppen oder menschlichen Aktivitäten, die von der dominierenden Gesellschaftsstruktur meist als peripher oder überholt angesehen werden: etwa auf die (noch) nomadischen Roma oder die fast verschwundene regionale Volksmusik mit ihrem eigentümlichen Instrumentarium. Allen gemeinsam ist das Fehlen eines festen, geografisch definierten und mit nationalen Symbolen ausgestatteten Territoriums.
Es handelt sich um Arbeiten, die Themen wie Identität, Ort, Objekt, Symbol, Kommunikation … aufgreifen und mit den Mitteln Video, Installation, Fotografie, Klang, Objekt oder Text bearbeiten.

Der Besucher hat die Möglichkeit, die verschiedenen Facetten von Vitones Werkes von den Anfängen in den 1980er Jahren bis heute kennen zu lernen.

Als Artist in Residence im OK realisiert Vitone ein Video- und Soundprojekt, das sich mit dem Genueser A capella Chor La Squadra, dem wichtigsten Vertreter des Trallalero, der traditionellen Musik der Genueser Hafenarbeiter beschäftigt.

Die Ausstellung wurde in Kooperation mit dem Casino Luxembourg und GAMeC – Galleria d’Arte Moderna e Contemporanea di Bergamo produziert.

Der Katalog ist im Folio Verlag, Wien / Bozen erschienen; ISBN-10: 3-8525-348-8


Die zentrale Installation der Ausstellung Nulla da dire solo da essere (Nichts zu sagen, nur zu sein, 2004) füllt die Schlucht des OK mit einem Ensemble von Flaggen, die durch Symbole und Texte, die Beziehungen zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft widerspiegeln.
Eine Modelllokomotive fährt ohne Unterbrechung sowohl auf der Innen- als auch auf der Außenseite einer Schienenanlage, die ein Möbiusband bildet und spielt so auf eine paradoxe existenzielle Situation an.

Das Video La Nuova Miganego, 2005 zeigt den Genueser A capella Chor La Squadra, der auch Thema von Vitones neuem Video- und Soundprojekt ist, das im OK produziert wird.

In der Serie der Carte Atopiche (1988-2004) hat der Künstler Stadtpläne oder geografische Karten reproduziert und dabei alle Angaben von Ortsnamen entfernt. Diese Arbeit widerspricht der gewohnten Darstellungsform unserer Städte und Regionen. Sie appelliert aber gleichzeitig an die Erinnerung und die Vorstellungskraft, also an Eigenschaften die erforderlich sind, um das alltägliche menschliche Umfeld zu erleben und zu erfinden.

Die Linz-spezifische Arbeit Identificazine del luogo: OK (Identifikation des Ortes: OK, 1989-2007) zeigt auf drei bedruckten Vorhängen die Katasterpläne der Umgebung des OK.

Eine Landkarte die von unten, quasi von einem Standpunkt unterhalb der Erdoberfläche betrachtet wird, ist die Arbeit Invisibile informa il visiblile (Unsichtbares informiert Sichtbares, 1988). Die abgebildete Landschaft erschließt sich den BetrachterInnen erst nach eingehender Auseinandersetzung.

Musikstücke deren Ursprünge auf etwa fünfzehn kulturelle Minoritäten zurückzuführen sind (Basken, Bretonen, Flamen, Galizier, Juden, Katalanen, Korsen, Lappen, Mazedonier, Sarden, Schotten, Slowaken, Slowenen, Wallonen und Zigeuner) erklingen in Sonorizzare il luogo (Vertonung des Ortes, 1989-1993). Die abgebildeten Karten stellen die geographische Verortung dieser Minderheiten dar – eine Art kulturelle Kartographie, die sich sehr stark von jener unterscheidet, die von den politischen Grenzen diktiert wird.

Luca Vitone interessiert sich für zahlreiche Aspekte der italienischen Kultur, insbesondere für die kulinarischen und die musikalischen Traditionen. Corteggiamento (wortwörtlich: Die Kunst des Hofmachens, 2001-2004) ist eine Serie antiker volkstümlicher Musikinstrumente aus verschiedenen Regionen Italiens, die auf alten Möbeln platziert sind. Herum drapierte Lichterketten verleihen diesem Werk einen festlichen Charakter, aber sie sind auch eine verführerische moderne Verkleidung, wie ein letzter Versuch zu gefallen – auch wenn die Zeit vergeht.

Luca Vitones Liebe zu Landkarten zeigt sich in der Arbeit Previsione del Tempo (Wetterbericht, 1994). Das Foto zeigt den Künstler als 10-jährigen bei einer Schultheateraufführung und dokumentiert sein schon damals vorhandenes Interesse.

In unserer kosmopolitischen Gesellschaften stoßen Begriffe wie Fremder und Zugehörigkeit auf solche wie Heimat und Verwurzelung. Anlässlich einer Ausstellung in einer Kölner Galerie hatte der Künstler einige Roma zum gemeinsamen Essen und Feiern mit Vertretern der italienischen Gemeinschaft und der Künstlerszene eingeladen. Mit dem Videodokument Der unbestimmte Ort (1994) konfrontierte er die einzelnen Gemeinschaften mit den hartnäckigen und uralten Stereotypen, die man auf alten Darstellungen und Fotos findet.

Die Arbeit Sensa Titolo (Ohne Titel, 1996) zeigt 99 Fotografien italienischer Ortsnamen auf Eisenbahnschildern. Sie bilden die Projektionsfläche für eine Diaschau über italienische Friedhöfe. Es entsteht ein Meer aus "toten" Namen, die ohne einen zugehörigen Kontext, keine Erinnerungen oder Assoziationen mehr auslösen.

Bei der Arbeit Non siamo mai soli (Wir sind nie allein, 1994) handelt es sich um ein Möbelstück aus Kindertagen, dessen Standort auf einem Plan eingetragen ist, der aus der Erinnerung nachgebildet wurde. Die trügerische Genauigkeit ist eine schöne Metapher für die Illusion von Suche nach unbestreitbaren Wurzeln der Identität.

Auf metaphorische Art begegnet man dem Thema "Inse" immer wieder in Vitones Werken, stellt doch die Insellage das Paradox der von Kommunikationsnetzen umgebenen Abgeschiedenheit dar. Für ein Projekt im öffentlichen Raum (Pelagotopia / wortwörtlich: Geländeskizzen von Inseln, 2003) hatte der Künstler die Wege eines Parks im Stadtzentrum mit blauen Planen abgedeckt, und so entstand der visuelle Eindruck kleiner, getrennter Inseln.

Schwarz, die Farbe der Anarchisten, welche für eine freie Geisteshaltung steht, wird von Luca Vitone in der Installation Trotzdem in Bewegung / Überall zu Hause, 2006 – 2007 mit dem Symbol der Roma, dem roten Rad, versehen (als Sitzmöbel ausgeführt): dieses ursprünglich hinduistische Lebenssymbol wurde zu jenem des Nomadentums.

Luca Vitone, geboren 1964 in Genua, lebt und arbeitet in Milano, Italien.
Seine Arbeiten wurden in privaten und öffentlichen Kunsteinrichtungen in Italien und vielen anderen Ländern gezeigt:
Accademia di Francia, Villa Medici, Rome, OK Centrum (solo show) (1999); PS1, New York (solo show); Palazzo delle Esposizioni, Rome (solo show);Museo Pecci Prato; PAC, Milan (2000); Casino Luxemburg, Luxemburg; Lenbachaus Kunstbau, München (2001); National Centre for Contemporary Arts, Moscow; Micromuseum, Palermo (solo show) (2002); MAMCO, Genève; 2nd Bienal de Valencia, Valencia; 50th Venice Biennal, Venice; ARC Musée d’Arte Moderne de la Ville de Paris, Paris (2003); Centro per l’Arte Contemporanea Luigi Pecci (solo show), Prato; OK Centrum, Linz; Villa Arson, Nice (2004). Galleria Nazionale d’Arte Moderna, Roma (2005); PAC, Milano, Casino Luxemburg, Luxembourg (solo show), (2006); Sharjah Biennial (2007).


Pressefotos

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Alle Fotos (außer anders angegeben): Otto Saxinger.