Der globale Komplex


Pressemitteilung vom:
28. Mai 2002

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Ansprechpartner
  • Maria Falkinger
    Marketing / Presse (Leitung)
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Datum:
29.05.2002 - 17.07.2002

Komplex und global - wahrscheinlich zwei der am häufigsten verwendeten Begriffe in Fernseh- und anderen Diskussionen.
Widersprüchlich und subjektiv begegnen die elf Ausstellungsprojekte dem Phänomen "globalisierte Welt":
Komplex bezieht sich auf Kompliziertes, Multikontextuelles, Zusammenhängendes. Eben so, wie wir unsere Gegenwart wahrnehmen; eben nicht so, wie sie uns massenmedial allzu oft vermittelt wird. Komplex verweist auch auf eine Gebäudeansammlung, ein Gebiet oder einen Bereich, sowie auf einen Wahn, eine Zwangsvorstellung, ein Minderwertigkeitsgefühl …
Die Ausstellung "Der globale Komplex" konzentriert sich darauf, ausschnitthaft einzelne Aspekte einer zeitgemäßen Wahrnehmung von Welt zu präsentieren.
Die sozialen und politischen Aspekte der Globalisierung veranschaulichen etwa Anne und Patrick Poirier auf eindrückliche Weise. Ihr "Wargame" ist nicht etwa ein Computerspiel sondern klassisches Billard, einzig die verschiedenen Ländern bzw. Ideologien zugeordneten Kugeln und Queues (soundverstärkt) in einem, mit geschreddertem Geld, ausgekleideten Raum machen das Spiel zum "Kriegsspiel".
Die künstlerischen Arbeiten der Ausstellung können und wollen nicht alle Phänomene rund um unsere globalisierte Welt erklären, sondern setzen eher auf Ausschnitthaftigkeit, partielle Sichtweisen und Subjektivität. Dabei erscheint es wichtig, dass die Summe der künstlerischen Äußerungen nicht erneut in einer einheitlichen Sicht von Welt aufgeht, sondern Positionen in ihrer Widersprüchlichkeit erhalten bleiben.
Die Kuratoren Christa Schneebauer und Rainer Zendron haben für die Schau elf KünstlerInnen eingeladen, darunter die heurigen Documenta TeilnehmerInnen Renée Green und Cildo Meireles.

KünstlerInnen: Danica Dakic, Stefan Eins, Peter Friedl, Reneé Green, Jaqueline Hassink, Armando Mariño, Cildo Meireles, Matthew Ngui, Anne & Patrick Poirier, Monika Pichler, Jun Yang
Kuratoren: Christa Schneebauer, Rainer Zendron

Die Ausstellung erfolgt in Kooperation mit dem Grazer Kunstverein:
Ausstellung
Der globale Komplex - continental drift
5. Juni - 7. Juli 2002

Zur Ausstellung erscheint ein gemeinsamer Katalog.


Anne & Patrick Poirier

Wargame

Rauminstalation, O.K , 2002

2 Snooker Turniertische, Bälle graviert, Tonabnehmer in den Banden und in den Löchern

Der Ausstellungsraum ist ein Kriegsspielplatz, auf den ersten Blick allerdings als Billardsalon getarnt: Zwei Snookertische und gedämpftes Licht, denn die Hohlräume der großen Doppelfenster sind gefüllt mit feinen Schnitzeln der alten europäischen Geldscheine, die seit Anfang des Jahres in Papierwölfen gehäckselt werden.
Auf der Basis von Ökonomie und Geld findet gewissermaßen das globale Spiel der Mächte statt.

Auf den Billardqueues sind die Namen machthabender Staaten eingetragen: USA, Russland, Japan, England, Deutschland, Frankreich. In die Kugeln dagegen sind die Namen der Länder eingraviert, die von "den Großen" manipuliert oder bekriegt werden: Afghanistan, Iran, Irak, Israel, Palästina, Tschetschenien. Ausnahme ist die weiße Kugel mit den Buchstaben der UNO. Wenn wie üblich mit der weißen Kugel eine weitere so angestoßen wird, dass eine dritte ins Rollen gerät und möglicherweise ins Loch fällt, erbebt aber für einen kurzen Moment der schwere Tisch unter dem ohrenbetäubenden Lärm einer Bombenexplosion.

Auf dem zweiten Tisch tragen die Queues die Namen von Religionen und Ideologien während die Kugeln wieder Ländernamen tragen. Soll man mit der Islam-Queue eine Frankreich-Kugel ins Loch kicken, oder mit der USA-Queue die Irak-Kugel anstoßen? Der Besucher hat keine Wahl. Sobald er der Aufforderung folgt und einen Billardstab anlegt, macht er sich schuldig. Es gibt kein Entrinnen, denn das Spiel verspricht Überraschung und Spaß, jeder möchte mitmachen, die Verführung ist groß.

*1942 in Marseille und Nantes
leben und arbeiten in Paris und Trevi


Armando Mariño

A proposito del desborde
El centinela
Beuys, me resbala

Öl auf Leinwand

Armando Mariño bedient sich sowohl in seiner Malerei als auch bei seinen Installationen und Skulpturen einer ironischen Sprache, mit der er gleichsam als Leitmotiv "das Leben und Abenteuer eines Farbigen" paraphrasiert. Wie Till Eulenspiegel hinterfragt er mit scheinbarer Naivität Aktualität und Wirksamkeit zeitgenössischer europäischer Kunstproduktion. Als Vorlagen dienen ihm in dieser Ausstellung Werke von Jean Louis David, Mario Merz und Joseph Beuys.

*1968 in Kuba
Lebt und arbeitet in Madrid


Cildo Meireles

Babel, 2001

Installation aus Radios

Unsere moderne Kommunikationsmedien füttern uns unablässig mit einer nicht mehr rezipierbaren Menge an Information. Der Turm aus 350 Radios ist Bild dafür, dass ein Mehr an Informationsquellen nicht unbedingt ein Mehr an verwertbarer Information bedeutet.

* 1948 in Rio de Janeiro,
lebt und arbeitet in Brasilien


Danica Dakic

Zid/Wall, 1998

Videoinstallation

Identität ist das zentrale Thema, das Danica Dakic’s Arbeiten wie ein roter Faden durchzieht. Immer wieder macht sie Sprache bzw. das Sprechen als entscheidenden Faktor der Identitätsbildung aus.
Mehr als 60 sprechende Münder blicken die BetrachterInnen an und bilden ein Paradoxon: eine schier undurchdringliche Wand aus lauter Öffnungen. Der "Blick" der Münder ist nicht nur rhetorische Floskel - geöffnet hat der Mund die mandelförmige Form des Auges.

Mit einem kleinen Unterschied: Der Blick des Betrachters wird nicht erwidert, sondern dringt ein ins Innere des Gegenübers und verliert sich in dem dunklen Schlund.
64 Stimmen sprechen durcheinander, und dies in unterschiedlichsten Sprachen: der globale Komplex als Sprachgewirr - man hört alles und versteht nichts. Erst bei längerem Hinsehen und Konzentration entwickelt sich allmählich etwas wie Individualität.

* 1962 in Sarajevo,
lebt und arbeitet in Düsseldorf


Jaqueline Hassink

Studies for Queen Bees (1996-2000)

13 tlg 40 x 75cm, Fotografien

Tische, jene Möbelstücke, die - neben den Stühlen - am meisten benutzt werden, interessieren die Künstlerin seit jeher. An ihnen wird gegessen, geredet, studiert, konferiert, verkauft und vieles mehr. Bei Tisch werden Kinder erzogen und Beziehungen geknüpft oder gelöst. Hinter dem Tisch wird Recht gesprochen und Politik gemacht. Von der niedrigsten bis zur höchsten Ebene wird am Tisch verhandelt und beschlossen.

Die Interpretation der Künstlerin ist eindeutig. Der Tisch steht nicht nur im Mittelpunkt des menschlichen Handelns, sondern symbolisiert auch die Hierarchie in der Familie, im Betrieb, in jeder Institution.

Queen Bees versucht, fünfzehn weibliche Topmanager am Beispiel ihres Konferenztisches und ihres häuslichen Esstisches, der traditionellen Domäne der Frau, zu porträtieren. Die Suche nach den Managerinnen (51 an der Zahl) gestaltete sich wie die nach der Nadel im Heuhaufen. Weibliche Aufsichtsratsmitglieder von multinationalen Konzernen sind so selten wie Bienenköniginnen. Nur zwölf Frauen arbeiteten schließlich an dem Projekt mit, wobei drei von ihnen zwar den Konferenztisch, nicht aber den Esstisch zeigen wollten. Und was stellte sich heraus? Die Auswahl und Aufstellung der "weiblichen" Konferenztische unterscheidet sich kaum von der der "männlichen" Pendants - abgesehen von vereinzelten Blumensträußen. Zu Hause sehen die Tische etwas persönlicher aus, wiewohl der klassische und imposante Stil überwiegt und die Übereinstimmung mit denen auf Arbeit relativ groß ist. Häufig entsteht der Eindruck, dass die Managerinnen die häusliche Macht an Haushälterinnen oder andere Professionals abgeben mussten - von einigen Ausnahmen abgesehen.

* 1966 in Enschede Niederlande
lebt und arbeitet in New York


Jun Yang

"from…02/05" (1998/99)

15 Plexiglas-Tafeln, safety instruction cards

"Safty-cards" wie sie jeder von Flugreisen kennt dienen dem in Wien lebenden Künstler für seine Begrüßungsanweisungen. Händeschütteln oder Verneigen wird schematisch als Piktogrammen dargestellt, mögliche "Gefahrenquellen" dabei sind explizit herausgestrichen.
Die "Safty-Cards" beziehen ihren "unabdingbar objektiven Anweisungscharakter" aus ihrem ursprünglichen Kontext dem einerseits die Macht des Faktischen den Rücken stärkt, andererseits der Glaube an die jeweilige Einzigartigkeit der Person einen Schuss ironische Distanz beisteuert.
Die dem internationalem Luftverkehr entliehene Ästhetik verschafft den Begrüssungsformeln sowohl weltläufigen Flair, als auch ausreichende Autorität, um scheinbare Banalitäten in den Status von bedeutenden, verbindlichen kulturellen Codes zu erheben.

*1975 in Qingtian, China
Lebt und arbeitet in Wien


Matthew Ngui

"crystal/taste" / a work-in-progress"

Rauminstallation, O.K 2002

Matthew Nguis prozeßhafte Arbeit ist nicht nur ein Kunstprojekt sondern auch eine Sozial- bzw. Wirtschaftsstudie, ein kultureller Austausch auf mehreren Ebenen.

Während seines mehrwöchigen Aufenthalts in Linz hat er Kontakte zu verschiedenen Unternehmen geknüpft und sich mit ihrer Unternehmenstruktur, ihrer Philosophie und ihrem Umfeld auseinander gesetzt.

Seine Videoinstallationen in der Ausstellung sind die Sammlung von Eindrücken, die er während seiner Firmenbesuche und Rundfahrten in ganz OÖ gewonnen hat. Seine mehrtägige "Praxis" in der Küche des "Goldenen Anker" kommt den BesucherInnen der Vernissage zugute. Als Performance wird er in seinem Ausstellungsraum für von ihm persönlich geladene Gäste östereichische und asiatische Gerichte kochen und mit ihnen essen.

*1962 in Singapur, lebt und arbeitet in Perth/Australien und Singapur


Monika Pichler

Ostwärts

Rauminstallation, O.K, 2002

Zentraler Punkt ihrer Arbeit ist die Kontrastierung kultureller Ausdrucksweisen des Orients mit dem europäischen Blick auf diese. Einerseits werden unsere Klischees einer idealisierten Handwerkskultur mit den schattenrißhaften Eindrücken von Krieg und Terror verknüpft, andererseits erlauben die Textbahnen einen historischen Blick auf die Rezeption des Exotischen. Durch die Verknüpfung von so gegensätzlichen Gestaltungsinstrumentarien wie der orientalischen Teppichtradition und der globalisierten Bildproduktion entsteht ein reflexives Spannungsverhältnis, das den Arbeiten Monika Pichlers inhärent ist.

Bei der Serie der "fliegenden Teppiche" spielt sie mit unseren geprägten Vorstellungen der märchenhaften und imaginären Welten von Tausend und einer Nacht.
Die Bildteppiche von Monika Pichler sind vor dem Hintergrund des aktuellen Kriegsgeschehens zu verstehen. Als Spiegel der alltäglichen Realität, des Schreckens, werden sie zu Mahnmalen gegen den Terror, als historiographische Dokumente sind sie Teil eines kollektiven Gedächtnisses.

*1961 in Hallein, lebt und arbeitet in Linz


Peter Friedl

Four or Five Roses

Rauminstallation, O.K, 2002

Friedl beschäftigte sich in seinem Werk mit dem Spannungsverhältnis zwischen individuell erlebtem und wahrgenommenem einerseits und dem des
kuturellen Umfelds entkleideten und mehrfach transformierten beziehungslosen Sinnkern von Aussagen.
In Südafrika befragte er Kinder über ihr alltägliches Leben. Die Kinder sprechen unterschiedliche Sprachen und haben unterschiedlichen kulturellen Hintergrund. Alle Interviews wurden mit DolmetscherInnen gemacht und anschließend ins Englische übersetzt.
Die von Peter Friedl ausgewählten Passagen sind in der Ausstellung schriftlich präsent. Alle Texte sind ihrem ursprünglichen Kontext enthoben. Nur der, seiner spezifischen kulturellen Prägung entkleidete Sinn der gesprochenen Worte stellt eine Brücke zwischen Installation und den Gedanken und Aussagen der Kinder dar.
Die Sätze aus den Interviews werden als einheitliche Computerschrift an den Wänden präsentiert. Nichts verweist auf individuelle Besonderheiten und Merkmale der Kinder - die Aussagen stehen isoliert im White Cube.

*1960 in Oberneukirchen/Österreich, lebt und arbeitet in Berlin und Wien


Reneé Green

Wavelinks

Soundinstallation, O.K, 2002

Spricht man heute von "Globalkultur", so wird darunter meist ein medial-kommerzieller Zusammenhang verstanden, den transnationale Konzerne in steter Expansionsbewegung steuern. Dass unter dieser "korporativen" Ebene aber stets auch an einem Netz aus "inoffiziellen" Kontakten und Begegnungen geknüpft wird, kommt selten in den Blick. Die elektronische Musik der letzten zehn Jahre, so vielgestaltig sie auch sein mag, stellt einen Paradefall solcher paralleler und oft gegenläufiger Globalisierungsmomente dar.
"Wavelinks" erzählt von diesen Gegenläufigkeiten anhand konkreten Ausgangs- und Endmaterials: elektronisch erzeugtem Sound und dessen vielfältigen - kulturellen, sozialen, politischen - Resonanzebenen.

*1959 in Cleveland/Ohio
lebt und arbeitet in New York und Wien


Stefan Eins

11/9

Collage, Spannplatte, 2002

Stefan Eins’ Arbeit geht von der amerikanischen Stickerserie der "Pail Garbage Kids" aus, welche im drastischen Stil von Struwelpeter Kinder über ihr Fehlverhalten belehren.
Durch Bearbeitung des Abziehbildes "Dy’in Dinah" spiegelt er die Ereignisse des 11. September auf die amerikanische Gesellschaft zurück.


Themenabende zur Ausstellung:

Mittwoch,29. Mai 2002,19.00 Uhr

Kunstuniversität Linz, Hauptplatz

Chantal Mouffe (University of Westminster/London)
"Politics and Passions: The Stakes of Democracy"

Chantal Mouffe arbeitet am Institut für Politik und internationale Studien an der University of Westminster in London. Sie lehrt an zahlreichen Universitäten in Europa, Nord- und Lateinamerika. Chantal Mouffe beschäftigt sich mit politischer Theorie, besonders mit Pluralismus, sozialen Antagonismen und radikaler Demokratie. Ihr momentaner Forschungsschwerpunkt ist der Aufschwung des Rechtspopulismus in Europa sowie der "Dritte Weg" und seine Grenzen.
Vortrag in Kooperation mit Gesellschaft für Kulturpolitik und Kunstuniversität Linz

Donnerstag,27.Juni 2002,19.30 Uhr

O.K Centrum für Gegenwartskunst

McKenzie Wark (Aus/USA)
"Global Play Time"

McKenzie Wark ist Professor an der State University von New York, in Binghamton.
Er ist Autor von drei Büchern, darunter "Virtual Geography", (Indiana University Press) und Co- editor des "Nettime reader, Readme! (Autonomedia).

Präsentation des Ausstellungskatalogs


Pressefotos

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Fotos: Otto Saxinger