Höhenrausch.1 - Künstlerinnen


Der Aufstieg ermöglicht "dem Himmel so nah" zu sein, wie selten zuvor. Wer hochsteigt, verwandelt sich in die Figur des Dachwanderers und erkundet eine ungewohnte Perspektive auf die Stadt Linz.


Pierre Bismuth /FR /BE
Respect the Dead, 2001–2009

Bismuth zeigt die ersten Minuten aus Filmen wie "Dirty Harry", "Vertigo" und "Highlander". Sobald ein Darsteller dieser Filme zu Tode kommt wird der Film abrupt beendet und es folgt der Abspann. Der radikale Cut macht aus filmischen Nebenfiguren Hauptdarsteller und fordert ironisch einen respektvollen Umgang mit ihrem plötzlichen Tod ein. Für den Höhenrausch über den Dächern von Linz hat Bismuth speziell eine Serie von Filmen ausgewählt, die alle auf Dächern, Parkgaragen oder Balkonen spielen.

Shaun GLADWELL /AU
Voyage/Descent, 2009

Gladwell filmte Og D’Souza, der im Gebäude der Biennale von São Paulo (von Oscar Niemeyer) ohne seine Beine zu benutzen auf dem Skateboard seine Runden dreht. Die Arbeit zeigt Og, wie er Schwerkraft definiert indem er auf den Kopf gestellt durch das weitläufige Gebäude fährt. Ebenso dokumentierte er in New Plymouth, Neuseeland eine Skateboardfahrt direkt am Meer in einer Parkgarage. Nachdem dieser Park-Turm am Meer und neben dem Vulkan "Taranaki" liegt, hat ihn Gladwell als die schönste Parkgarage der Welt beschrieben.

Inger Lise Hansen /NO
Parallax, 2009

Hansen drehte ihren Film im Februar 09 über den Dächern von Linz mit "umgekehrter" Perspektive. Die auf den Kopf gestellte Super-16mm-Kamera wurde bloß Zentimeter um Zentimeter von Einstellung zu Einstellung bewegt. Diese "Stop Motion"-Technik verleiht Wetter, Licht und Schatten eine ungeahnte Präsenz.

Ricardo Jacinto /PT
Labyrinthis, 2007–2009

Das Ballonbündel von Jacinto vermindert das Körpergewicht um 35 kg und führt zur Einschränkung der Balance. Dieses Werk thematisiert den Gleichgewichtssinn im Innenohr, dessen Irritation die "Labyrinthitis"-Erkrankung hervorruft, aber auch den Kick auf jenen Wirbel-Maschinen auslöst, wie man sie in Vergnüngsparks findet.

Shih-Yung Ku /TAIWAN
Bubble Man, 2006

An einem Heliumballon mit 4 Meter Durchmesser klebt eine lebensgroße Figur, die hoch oben schwebt und schwankt, je nachdem wie der Wind geht. Der Luftblasenmann von Ku erinnert daran, dass unter all den großen Erfindungen der Menschheit – vom Rad über den Buchdruck und die Segelschiffe bis hin zum Computer - kaum eine die Welt so sehr verändert hat wie die Eroberung der Lüfte und die Sehnsucht nach dem Höhenrausch. Aus Sicherheitsgründen (für ihn und für uns) wird der „Bubble Man“ jeden Abend eingezogen und am Morgen wieder gehisst. Er ist damit nicht nur ein Sehnsuchtszeichen, sondern auch ein praktischer Hinweis: Immer dann, wenn er über der Stadt sichtbar wird, ist der Höhenrausch geöffnet und zugänglich.

Lightness, the way to let you lighter, 2000

Im Video von Ku bläst ein Mann einen Luftballon so groß auf, dass er daran hängend in den Weltraum entschwindet. Plötzlich jedoch platzt der Traum vom Fliegen und er stürzt mit einer Explosion zu Boden. Die kaleidoskopische Präsentation zeigt Himmelsflug und -sturz als Farbenexplosion.

Georg Lindorfer /AT
Flieeeeeg, 2009

In Lindorfers Szenerie können die Besucher ihren Kopf durch das Loch einer bemalten Plakatwand stecken und ein Jahrmarkt-Foto von sich machen. Die Porträtierten schlüpfen in die Rolle einer riesenhaften Kindgestalt mit Luftballon, die in der Animation auf der Rückseite der Tafel vom OK Platz entschwebt.

Maider López /ES
High Wheel, 2009

Der von López angeregte neue Farbanstrich - Rot für das Gerüst, Grün für die Gondeln - verwandelt das Riesenrad der Familie Rieger in eine Skulptur, in ein Meisterwerk der Ingenieurskunst und macht es zugleich zum Wahrzeichen der Kulturhauptstadt. Das Mitte der 1960er-Jahre konstruierte Riesenrad der Familie Rieger wurde zum Wahrzeichen des Urfahranermarktes. Damals das größte mobile Rad im süddeutschen Raum, überzeugt es noch heute durch seinen Retrocharme und die kühnen schiffartigen Gondeln, die ein intensives Schwebe- und Schwindelerlebnis garantieren. Im Video von Maider López verschwindet durch digitale Bearbeitung die monumentale rote Konstruktion und übrig bleiben die sich grün drehenden Gondeln, die wie von Zauberhand bewegt über der Stadt schweben.

Mali Wu /TAIWAN
Paradiesgarten, 2009

Das Sehen, Riechen, Fühlen, Schmecken im kleinen Heilkräutergarten auf dem Dach des alten Ursulinenklosters öffnet die Sinne. Und schafft zugleich die natürliche Verbindung zwischen Himmel und Erde, aber auch zur historischen Verbindung von U-Hof und OK über einen Klostergarten der gemeinsamen Anlage. Für Wu wird das Gärtnern zur Meditation entlang der Wege einer lebenden Apotheke. Die Pflanzen, die man hier zieht, werden seit Menschengedenken zu Heilzwecken eingesetzt. Die taiwanesische Künstlerin WU MALI errichtete den Garten mit Hilfe Bergkräuter Genossenschaft Hirschbach im Mühlviertel.

Das Zettel-Spalier von Wu gibt Auskunft zum "geheimen" Wissen über die Heilwirkung von Pflanzen. Kräuter-Rezepte aus unterschiedlichen Wissensgebieten (Literatur, Kulturgeschichte, Pharmazie, traditionelle chinesische Medizin TCM und überliefertes Wissen) können frei entnommen werden!

Paul DeMarinis /US
Rain Dance, 1998–2009

DeMarinis Klanginstallation benutzt Wasser um bekannte Melodien als Komposition aus Tropfen und Klangvibrationen erklingen zu lassen. Der aufgespannte Regenschirm wird zum Resonanzkörper für Klangwelten aus feinen Wasserfäden – auch bei Sonnenschein.

Martin Music /AT
Music in the Sky, 2005/2009

An 5000 heliumgefüllten Luftballonen hängend, war Music’ Aufstieg auf das Dach bei der Eröffnung ein echter Höhenrausch. Der Künstler erfüllt buchstäblich das Wunschbild der Menschen zu entschweben: schnell flüchtend, melancholisch, clownesque – und dennoch schwingt das Risiko mit. Ein Video dokumentiert den spektakulären Flug, die Ballone verbleiben als Fluggerät

Werner Pfeffer /AT
Stadtmensch, 2009

Pfeffer errichtete Aussichtspunkte und Panoramatafeln und erzählt von Stadtmenschen wie dem Organisten, dem Linzertorten-Bäcker und den Skatern. Der Blick nach Süden zielt nach Triest und zu den voestalpine-Hochofenarbeitern. In den "Hörpunkten" klingen Straßenbahn und Glockengeläut.

Pipilotte Rist /CH
Open My Glade (Flatten), 2000

Im Film presst die von Rist selbst dargestellte Frau Kopf, Lippen und Hände gegen eine Fensterscheibe. Offen bleibt, ob Nähe oder Gefangenschaft sich zeigt. Die obsessive Liebkosung des Fensters im alten Ursulinenkloster ist wie ein letzter himmlischer Gruß vor dem Abstieg auf die Erde. Der Himmel liegt hinter uns und wir sind wieder in der Wirklichkeit angekommen.

Roman Signer /CH
Raketenbahn, 2009

Signer schießt einmal täglich die Grußbotschaften der Besucher mit einer Raketenbahn quer über den OK Platz. Dieses nur wenige Augenblicke dauernde Ereignis erheitert und lässt einen schmunzeln über diese explosive Art der Übermittlung, die der heute meist digitalen hinterher jagt.

Filme, 1981 - 2006

Signer vollführt mit seinen Videos und Filmen einen Balanceakt zwischen Schalk und Melancholie. Er geht immer von skulpturalen Versuchsanordnungen aus und dokumentiert jedes Stadium dieser Zeitskulpturen oder "Ereignisse". Dabei werden elementare Kräfte untersucht und die Zeit als vierte Dimension und formendes Element mit einbezogen. Spreng- und Knallereignisse stimulieren die Sinne und wenn ein Eimer mit Videokamera vom 20. Stock eines Hauses auf die Straße kracht, dann reißt der Sturz in die Leere den Blick mit sich. Wir fliegen mit dem Eimer mit!

Serge Spitzer /US
Untitled (LINZ), 2008–2009

Andreas Strauss /AT
90° Kiosk, 2007/2009

Der auf den Kopf gestellte Bauwagen von Strauss ist einer seiner typischen Multifunktions-Tools, die er aus dem ursprünglichen Zusammenhang nimmt und durch funktonale architektonische Eingriffe einer neuen Widmung zuführt. Er dient als Wetterstation, Kiosk und Hot Spot zugleich. Das Angebot variiert je nach Wetterlage: bei Regen gibt es Schirme, bei Hitze eingeschweißte Getränke, wie im Flugzeug und bei Wind Seifenblasen.

Ein Kooperation mit Time’s Up und FunkFeuer.

Fiona Tan /INDONESIEN /NL
Tilt, 2003
Lift, 2000

In Tans Foto schwebt ein Mensch an einem Bündel roter Luftballons sanft über blattlose Laubbäume. Die Erdung ebenso verloren hat im Video "Tilt" ein kleines Kind, das in einem Fallschirmgurt schwebt, sinkt und steigt. Es wird in diesem physikalischen Experiment glucksend von weißen Ballons zur Decke getragen.

Leonid Tishkov /RU
Sky Roof Experiences, 1999 - 2009

Tishkovs Atelier befindet sich in der obersten Etage eines 24 Stockwerke hohen Gebäudes in Moskau. Das Dach nutzt er als natürlichen Schauplatz für seine Untersuchungen und für sein "Gespräch mit den Himmeln". Im Winter steigt er hoch zum Skifahren oder nutzt das gestalterische Potential des Windes an dieser Schnittstelle zwischen Himmel und Erde.

Private Moon, 2009

In vielen Kulturen wird der Mond als Göttin verehrt. So stimmt Tishkov mit der vom Himmel gefallenen Mondsichel ein visuelles Gedicht über das Weibliche an. In Linz hat der Mond eine temporäre Heimstatt in der Kapelle gefunden und kann entliehen werden. Wo immer dieser Himmelskörper als Gast in Linz erscheint, überwindet er die Einsamkeit der Stadtmenschen und schart viele Zuschauer um sich.

"Private Moon" war zu sehen bei:
09.06. - 12.06. Christine Dollhofer
12.06. - 16.06. Gerald Lohninger
19.06. - 23.06. Seminarzentrum Linz
23.06. - 26.06. Familie Schlimp / Faber
26.06. - 30.06. Kapelle OK Platz
30.06. - 03.07. Anita Pölzleitner
03.07. - 07.07. Rieger
07.07. - 10.07. Daniel Gollme
10.07. - 14.07. Elke & Peter Zagler
14.07. - 17.07. Thomas Rockenschaub
17.07. - 21.07. happening KV
21.07. - 24.07. Brunner+Schlögl-Hofer
24.07. - 27.07. Kapelle am OK Platz
27.07. - 28.07. Martin Heller
30.07. - 31.07. Gabi Socher
31.07. - 04.08. Beatrix Ohms
04.08. - 07.08. Kapelle am OK Platz
07.08. - 11.08. Aline Wolf und Benjamin Hagemann
11.08. - 14.08. Institut Medaktiv
14.08. - 18.08. Helene Schaurecker
18.08. - 21.08. Josef Andraschko
21.08. - 25.08. Gernot Barounig
25.08. - 28.08. Herbert Enzenhofer
28.08. - 01.09. Claudia Stummer + Christof Pernkopf
01.09. - 03.09. Harald Peternell & Petra Wurz
03.09. - 04.09. Ars Electronica Linz
04.09. - 08.09. Alexander Weber
08.09. - 11.09. Gruber Michael
11.09. - 15.09. Schneckenreither Wolfgang
15.09. - 18.09. Ina Reischl
18.09. - 22.09. BRG Fadingerstraße
22.09. - 25.09. Familie Muhr
25.09. - 29.09. Autonomes Frauenzentrum Linz
29.09. - 02.10. Monika Perner
02.10. - 06.10. Papinski
06.10. - 09.10. BAKIP Lederergasse
09.10. - 13.10. Fabian Almesberger
13.10. - 16.10. Christoph Wolf & Regina Schlipfinger
16.10. - 20.10. Sigi Hofbauer, Karin Hofbauer
20.10. - 23.10. Christina Lehner
23.10. - 27.10. Herbert Ostermann
27.10. - 30.10. BankAustria
30.10. - 03.11. Mag. Andreas Paul

Erwin Wurm /AT
Tell, 2007/2008

Wurms Video zeigt ein Paar auf der Autofahrt durch Wiens Innenstadt beim Philosophieren über Wirklichkeit und Physik. Je länger die Autofahrt dauert, desto mehr verändern sich die physikalischen Kräfte. Am Ende fährt das Auto plötzlich vertikal eine Hauswand hoch. Das Paar steigt aus.

Eine Geschichte der Aufstiege und Abstürze

Brigitte Felderer /AT
Höhenflüge, 2009

Der Bilderparcours von Felderer versammelt Plakate, Schlagzeilen, Filmbilder und Kunst vom 18. Jahrhundert bis ins Jahr 2000. Nicht die Adligen entschweben in den Himmel, sondern schlaue Bürger, freche Frauen, raffinierte Illusionisten, mutige Künstler und romantische Outsider. Und wer nicht mitfliegt, stürzt ab.

Architektur

Atelier Bow-Wow /JP
in Kooperation mit Riepl Riepl Architekten
Linz Super Branch, 2009

Atelier Bow-Wow nennt seine Großskulptur "Linz Super Branch", also den "Linzer Super-Zweig". Die Ast- und Zweigidee gilt für die modulare Bauart, aber auch wörtlich. Was als Himmelsstiege beginnt, wuchert nun horizontal übers Dach wie das Wurzel- und Zweigwerk eines Baums – mit Ästen über dem Abgrund.

Die Himmelstiege von Atelier Bow-Wow dient als Brücke in ein anderes Land. Wer sie betritt, lässt alles zurück: Alltagstrott, Arbeitsstress und Ängstlichkeit. Sie ist die ideale Aufstiegshilfe in die Etagen des Lunaparks und führt dorthin, wo der Himmel "voller Geigen" hängt.

Ausstellungsgestaltung
Hans KROPSHOFER, AT
Gerald LOHNINGER, AT